Print ist am Ende. – Diese geläufige Prognose klingt, solange Zeitungen und Zeitschriften täglich neu und in Vielzahl erhältlich sind, noch unwirklich, irgendwo zwischen Hypothese und orakelhafter Deutung.
Der australische Zukunftsforscher Ross Dason gibt in seiner jetzt veröffentlichten “Newspaper Extinction Timeline“ Zeitungen in ihrer geläufigen Erscheinungsform noch sieben Jahre, ausgehend von den USA. Mehr Brisanz verleiht seine Einschätzung eine nähere, realistische Betrachtung einzelner Länder und Regionen.
Die in den USA verstärkte Zuwendung, bisweilen schwerpunktmäßige Rückbesinnung auf lokale Inhalte wie Nachrichten oder Unterhaltungselemente könne den Trend demnach nicht mehr – rechtzeitig – umkehren.
Die nord-westliche Hemisphäre werde demnach zuerst betroffen sein: Zuerst prognostiziert er ein Verschwinden für die USA in 2017, dann schon in Europa, konsequent von Westen her, in Island und Großbritannien 2019 sowie in Kanada und Norwegen in 2020.
Andere Länder seien erst später betroffen sein – es ziehe sich voraussichtlich bis 2040 hin. In seiner Heimat Australien sieht Dawson die letzten Zeitungsausgaben in 2022 in Druck gehen.
Einen Überblick vermittelt das nachfolgende Schaubild, es stammt von Dawson:

– Quelle: Trends in the Living Networks | Ross Dawson Blog
Angesichts digitaler Mediennutzung, sich wandelnder Veröffentlichung von Inhalten, umwälzender Wirtschaftskreisläufe – gegenwärtig ausgehend von Verlagen, zunehmend hin zu individuellen Publishern, sowie langfristiger Einstellungen und Traditionen der Leser/Konsumenten, ist es denkbar, dass sich der Zeitraum erheblich verkürzt.
– Dawson sagt dazu in The Australian:
“In the developed world, newspapers are in the process of becoming extinct, driven by rapidly changing use of media and revenues out of line with cost structures.”
Im Zusammenhang mit dem technischen Zugang zu Publikationen werde es Dawson zufolge eine wesentlich einfachere und geeignetere Nutzung geben als derzeit verfügbare, proprietäre Tablet PC.
Update, 02. November 2010 –
Wie Turi2 heute meldet, beschäftigen sich nun auch deutsche Medien, allen voran Spiegel Online und die Verbreitungsplattform Meedia mit der Prophezeiung von Dawson. Dabei sieht Frank Patalong von SpOn die Einschätzung eher gelassen-spöttisch:
Man braucht Vorstellungen möglicher Zukünfte selbst in Extremen, um sich auf denkbare Entwicklungen einstellen zu können. (…) kein vernünftiger Mensch wird die Vision auch bezweifeln.
Und:
…außerdem sagt er ja auch gar nicht den Tod der Presse voraus, sondern nur das Ende der Papier-Form. (…) “Zeitung” ist nicht mehr als ein aktuelles, periodisch erscheinendes Lese-Nachrichtenprodukt.
Der bei Meedia für “Quoten, Klickzahlen, Auflagen und Charts” verantwortliche Autor Jens Schröder, selbst als Mr. Analyzer tituliert, empört sich da schon mehr und meint:
Dawsons Methodik für diese gewagte Prognose ist nicht nur zweifelhaft, sie ist pseudo-wissenschaftlich, populistisch und einfach blödsinnig. (…) Was auf den ersten Blick sinnvoll und durchdacht klingt, ist auf den zweiten Blick aber nichts anderes als pseudowissenschaftlicher Hokuspokus.
Weiter:
Solche Prognosen können nur dann ungefähr zutreffen, wenn sich alle einberechneten Trends genau so fortsetzen. Doch das passiert eher selten. Und genau das gilt für die Berechnungen Dawsons. Niemand, auch kein australischer Zukunftsforscher, kann voraussagen, ob es in 10, 20 oder 100 Jahren noch Zeitungen gibt.